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Artikelbild Focus 2005Lupe um vergößertes Bild zu betrachtenFOCUS vom 17.10.2005
17.10.2005

Versichert und vergessen

GESUNDHEIT

Die Kosten explodieren, die Politik hat die private Krankenversicherung fast abgeschrieben. Ein erster Vergleich offenbart jetzt die wahren Beitragssteigerungen im Alter. Von FOCUS-Redakteur Matthias Kowalski

Auch der geballte Einsatz der Prominenz half nichts. Da hatten die Privaten Krankenversicherungen (PKV) etwa Ex-Tennis-Star Michael Stich, ZDF-Mann Klaus Bresser, Kurt Biedenkopf, die Beraterin Gertrud Höhler, Hans-Olaf Henkel sowie drei Hockey-Olympiasiegerinnen in einer monatelangen Kampagne für sich trommeln lassen (Motto „PKV unverzichtbar“) – doch die Botschaft verhallte.

Die verantwortlichen Politiker der neuen großen Koalition sehen in der privaten Krankenversicherung ein Auslaufmodell. Die alte und wohl auch neue Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erklärte gar die Gleichschaltung von gesetzlicher Krankenversicherung (GKV) und PKV zum Ziel der nächsten vier Jahre – „ohne die Beiträge nach Geschlecht, Alter oder Vorerkrankungen zu unterscheiden“.

Das wäre das Ende der PKV. Ihr bisheriges Kalkulationsmodell wäre damit obsolet. PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach ist entsetzt: „Wir finden auch im Namen von 8,3 Millionen Privatversicherten derzeit einfach kein Gehör.“ Dabei könnten die 50 deutschen PKV-Unternehmen gerade jetzt jeden Beistand dringend gebrauchen:

  • Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht hat sechs Versicherer ins Visier genommen. Grund: Sie können offenbar den 3,5-prozentigen Garantiezins für ihre Kapitalanlagen nicht mehr erwirtschaften, den Kunden drohen massive Prämiensteigerungen.
  • Der gesamten Branche laufen die Kosten davon. Nach einer Untersuchung des Berliner Wiso-Instituts haben die Privatversicherer seit 1977 mit 450 Prozent die höchste Steigerung bei den Gesundheitsausgaben zu verkraften. Die gesetzlichen Krankenversicherer AOK, Barmer & Co. kommen mit 240 Prozent Plus vergleichsweise günstig davon (vgl. Grafik S. 235).
  • Auch das Bild der vermeintlich sparsameren oder gesünderen Privatpatienten, die wegen höherer Selbstbeteiligungen niedrigere Kosten verursachen, bekommt zunehmend Kratzer: So kosten etwa PKV-Kundinnen jedes Jahr im Schnitt 2900 Euro, Kassenpatientinnen kommen die GKV 1000 Euro weniger zu stehen (vgl. Grafik S. 234).


Dauerhaft bezahlbar – kann die private Krankenversicherung dieses Versprechen noch erfüllen? Oder ist am Ende das PKV-Experiment nach dem Motto „weniger zahlen bei mehr Leistung“ gescheitert? Peter Zinke, Versicherungsanalyst und Makler aus Wiesbaden, forschte jahrelang und lüftet jetzt exklusiv in FOCUS eines der am besten gehüteten Geheimnisse der Branche – die reale Beitragsentwicklung von Kundenpolicen.


Bisherige Tarif-Tests vergleichen lediglich die Einstiegsprämien der Neukunden. „Die Frage, ob die Beiträge im Alter wirklich bezahlbar bleiben, lässt sich so nicht beantworten“, so Zinke. Deshalb forderte er Altanbieter, die seit den 70er-Jahren am Markt sind, auf, ihm Einsicht in Kundenverträge zu gewähren (siehe unten). Die Vorgaben: Je 100 Policen je Unternehmen; die Kunden sollten zum Beispiel zwischen 1977 und 1979 im Alter von 37 bis 41 die ersten Tarife gekauft und bis heute unverändert behalten haben. Immerhin sechs angesehene private Versicherer ließen sich bei der Tiefenanalyse in die Karten gucken – Debeka, Süddeutsche, Hallesche, Victoria, DBV-Winterthur und Alte Oldenburger. Trotz anfänglicher Bereitschaft zogen die Unternehmen DKV, Bayerische Beamtenkrankenkasse, Hanse-Merkur sowie Münchener Verein ihre Zusage zurück und untersagten die Veröffentlichung der Ergebnisse. Für die Gothaer (früher Berlin-Kölnische) reichte die Zeit nicht aus. Allianz (Vereinte), Arag, Axa (Colonia), Barmenia, Central, Continentale, Deutscher Ring, Inter, LKH, Signal, und Universa lieferten keine Daten. Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel, kritisiert die mangelhafte Transparenz: „Die privaten Krankenversicherungen sind aufgefordert, hier zu handeln.“

Die Auswertung von 600 Krankenversicherungsverträgen liefert ein aufschlussreiches Ergebnis: Zwischen günstigstem und teuerstem Altanbieter liegen 250 Euro Beitragsunterschied pro Monat oder 3000 Euro pro Jahr. So zahlt bei der Debeka beispielsweise eine 68-jährige Frau nach 28 Versicherungsjahren nur 412 Euro tatsächlichen Monatsbeitrag bei maximal 400 Euro Selbstbehalt für ambulante Behandlungen. Es folgt die Alte Oldenburger Versicherung mit 419 Euro Monatsbeitrag und einem geringeren Selbstbehalt. Debeka-Chef Uwe Laue sieht den Grund in „unserer sehr verlässlichen und stabilen Kalkulationsgrundlage“.

Als große Unbekannte in der Altersrechnung erweist sich jedoch der den Altversicherten gewährte „Nachlass“. Um diesen Betrag reduziert sich der eigentliche Tarifbeitrag, also der „Listenpreis“ der Versicherung für Neueinsteiger. Der Grund: Die Versicherten sammeln vom ersten Beitragseuro an Teile ihrer Prämien auf einem fiktiven Sparkonto an, das nicht für Arztkosten oder Pillen angeknabbert werden darf. Im Versicherungschinesisch heißen diese Guthaben „Alterungsrückstellungen“. Dieses Kapitalträgt dazu bei, dass meist ab Alter 60 die Monatsprämien weniger stark steigen. Hinzu kommen Gewinne aus der Geldanlage der Versicherer. Gemeinsam mit den Alterungsrückstellungen bilden sie den Posten „Nachlass“. Wer länger versichert ist, kann deshalb auch mit einem niedrigeren Beitrag im Alter rechnen. „Das ist aber auch schon alles, was man über den Nachlass sagen kann“, kritisiert Experte Zinke. „Die genaue Höhe und Zusammensetzung ist für den einzelnen Versicherten nicht zu durchschauen, hier müsste die Politik dringend Transparenz schaffen.“

Es geht um viel Geld. Die PKV wirbt sogar damit, bis heute 94 Milliarden Euro dieser Alterungsrückstellungen angehäuft zu haben – kein Kunde kennt jedoch seinen persönlichen Anteil daran. Im Schnitt ergäben sich rechnerisch pro Privatversicherten heute fiktive 11000 Euro Guthaben.

Eine Hoffnung halten die Verfassungsrichter für die Privatversicherten bereit. Im Sommer hatte das Bundesverfassungsgericht die Versicherungskonzerne zu mehr Transparenz bei Lebensversicherungen verdonnert (Az. 1 BvR 782/94 und 957/96). Dieses Urteil gilt indes auch für die PKV: Laut Gesetz ist private Krankenvollversicherung nur „nach Art der Lebensversicherung“ zulässig. Damit könnten die Kunden spätestens ab 2008 auf mehr Durchblick bei der Prämienkalkulation im Alter hoffen – wenn die Politik die PKV bis dahin am Leben lässt.

Die bisherige Geheimniskrämerei könnte sich nämlich als Bumerang erweisen – der Milliardenschatz an Versichertengeldern weckt die Begehrlichkeiten der Politik. Union und SPD überlegen bereits, das Geld für die Sanierung des chronisch kranken Gesundheitswesens einzusetzen. Kein Wunder, dass der PKV-Verband die Groß-Koalitionäre schon vor „Enteignung“ warnt und mit Verfassungsklage droht.

RUNDUM ZUFRIEDEN

  • Rosita Heller, 64, ist bei der Alten Oldenburger versichert. Die hessische Hausfrau ist erst vor 16 Jahren eingetreten.
  • Trotz einer Vorerkrankung zahlt sie nur 440 Euro im Monat (max. 165 Euro Selbstbehalt/Jahr).


SO TEUER WIRDS WIRKLICH FÜR PRIVAT VERSICHERTE
Der erste Vergleich von Bestandspolicen in Deutschland bringt die tatsächlichen Beiträge langjähriger PKV-Kunden an den Tag. Das Ergebnis: Nach fast 30 Versicherungsjahren liegen dieBeiträge heute um bis zu 250 Euro monatlich auseinander. Wesentliche Variable ist dabei der erwirtschaftete und angesparte Nachlass, um den sich der Tarifbeitrag reduziert.

DRAUFGEZAHLT

  • Monika Wernecke, 57, ärgert sich über die hohen Beiträge der Inter, bei der sie vor 25 Jahren eintrat.
  • Die Fotografin aus Wiesbaden zahlt heute 625 Euro im Monat bei 1300 Euro Selbstbehalt im Jahr.


ZUM VERGLEICH: SO TEUER WIRDS LAUT LISTENPREIS
Ein Indiz für die dauerhafte Beitragsentwicklung ist der Listenpreis für Neueinsteiger. Darin fehlt aber der Nachlass z.B. für die real angesparten Altersrückstellungen. So liegt die LKH im Beitrag mit vorn, musste aber den Selbstbehalt verdoppeln.

GEHEIMNISVOLLE ALTERSRÜCKSTELLUNG
Die Finanzreserve soll später einmal den Beitragsanstieg mildern.
94 Milliarden Euro Alterungsrückstellungen haben die Versicherten über einen unbekannten Sparanteil in ihren Monatsprämien für das Alter angespart. Wie viel jeder Einzelne davon erhält, entscheidet sich aber meist erst ab 60 oder später. Politiker erwägen immer wieder, diesen Schatz für andere Zwecke anzuzapfen.

DER ANALYTIKER
Peter Zinke erforscht seit Jahren die Privat-Policen.

  • Ein Tarifwechsel innerhalb derselben Versicherung ist oft die einzige Chance, Beiträge zu drücken. Wer den Anbieter ganz wechselt, verliert alle angesparten Alterungsrückstellungen und muss sich bei einem neuen Unternehmen auf hohe Risikozuschläge für Vorerkrankungen einstellen.
  • Stets in neueste Tarife mit niedrigem Selbstbehalt (SB) wechseln und gleichwertige Leistung wählen, das spart bei späteren Wechseln die Gesundheitsprüfung.


Bitte umsteigen
Durch einen Tarifwechsel innerhalb ihrer Versicherung sparen Kunden viel Geld.

Aus FOCUS Nr. 42 (2005)

Quelle: http://www.focus.de/finanzen/news/gesundheit-versichert-und-vergessen_aid_209446.html

Bisher: Die BAFIN verlor 2009 vorm Verwaltungsgericht Frankfurt/Main in erster Instanz.
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